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Jägeralltag – Der Wildunfall

Björn Ziplies

Am Abend gegen 19 Uhr klingelt mein Handy. Es ist die örtliche Polizei. Sehr nüchtern erklärt mir der Beamte, dass auf einer Bundesstraße, die durch unser Revier führt, ein Wildunfall gemeldet worden ist. Ich bestätige dem Beamten mein Erscheinen am Unfallort, lege auf und atme einmal tief durch. Jetzt muss alles schnell gehen. 

Ich flitze in den Keller. Flux in die Nachsuchenhose gesprungen, schnappe mir meine Waffe und einen Notfallrucksack; in diesem ist alles wichtige, was ich für einen Wildunfall benötige. Kurz meinen Hund „Nalu“ gerufen, er weiß sofort Bescheid. Dem Hund die Schutzweste angezogen, man weiß ja nie was einen erwartet und dann ab ins Auto und los geht die Fahrt. Während der Fahrt noch eben einen Kundentermin verschieben. Der Kunde hat zum Glück Verständnis für diese Situation und wünscht mir viel Glück.

Ein mulmiges Gefühl

Ich kann nicht behaupten, dass ich diese Art der Jagdeinsätze bei einem Wildunfall schön finde und ich kenne auch keinen Jäger, der das anders sieht. Die Fahrt zu einer Unfallstelle löst immer ein mulmiges Gefühl aus. Viele Gedanken fliegen einem auf der Fahrt dorthin durch den Kopf, wie zum Beispiel: Gibt es verletzte Personen, welche Wildart hat den Unfall verursacht, lebt und leidet das Wildtier noch und viele weitere Gedanken…

Die Einsätze, auch wenn ich sie nicht mag, sind wichtig, um das kranke Wild schnellstens von seinem Leid zu erlösen – und um natürlich dem Unfallopfer eine Wildschadenbescheinigung auszustellen für seine Teilkaskoversicherung. Das ist eine rein formelle Sache und nötig, sofern keine Polizei vor Ort ist.

Der Polizeieinsatz beim Wildunfall

In der Ferne sieht man schon den dunklen Wald im blauen Warnlicht der Polizei aufleuchten. Ich bin immer noch sehr angespannt. Was wird mich heute erwarten?

Als ich an der Unfallstelle ankomme, gehe ich erstmal zu dem jungen Polizeibeamten. Ich stelle mich vor und informiere mich nach dem Unfallhergang. Der Beamte erzählt mir, dass die Dame noch unter Schock stehe und nicht genau sagen könne, um welche Wildart es sich gehandelt hat. Ich kann dies absolut nachvollziehen. Ein Wildunfall passiert in einem Sekundenbruchteil.

Das Wild springt dem Fahrzeug regelrecht in die Front, keine Zeit für eine Analyse, Augen gerade aus, bremsen und das Lenkrad ja nicht verreißen, heißt es dann.

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Ich schaue mir das Unfallfahrzeug genauer an, versuche Haare oder eventuell Borsten zu finden, um die Wildart ein wenig einzugrenzen. Unterhalb des Scheinwerfers auf der Beifahrerseite und an der Ecke der Stoßstange finde ich mehrere Borsten. Die restlichen Abdrücke auf der Stoßstange bestätigen meine Vermutung: Es handelt sich um ein Wildschwein. So stark wie das Fahrzeug beschädigt ist, kann ich von einem mittelgroßen Wildschwein mit einem Lebendgewicht zwischen 35-50 Kg ausgehen.

Die Jagd ohne Hund ist Schund

Ich informiere die Beamten darüber, dass es sich hier um ein Wildschwein handelt und ich es mit meinem Jagdhund nachsuchen werde. Die Beamten bitte ich vor Ort zu bleiben und die Unfallstelle weiter abzusichern.

Ich gehe zu meinem Auto, öffne den Kofferraum, setze meine Kopflampe auf, lade mein Gewehr und schultere es. Mein Hund bekommt die Nachsuchenleine um. Diese Leine ist eine spezielle Leine und hat eine Länge von 10 Metern. Zur Sicherheit bekommt mein Hund noch ein Leuchthalsband umgelegt. Ein Hund nachts im Wald ist eine sehr ungünstige Konstellation.

Ein dunkles Abenteuer

Eine Nachsuche in der Dunkelheit führt man eigentlich nicht aus. In diesem Fall ist es aber wichtig, das Tier so schnell wie möglich zu finden und vom Leiden zu befreien. Ich setze meinen Hund an die Stelle, wo das Wildschwein den Zusammenstoß mit dem Fahrzeug hatte. Wenn man ganz genau schaut, findet man kleine Bluttropfen auf dem Boden und neben der Fahrbahn im Gras. Mein Hund hat diese natürlich sofort in der Nase, er ist schließlich auf solche Einsätze ausgebildet und kennt daher den Geruch.

Ich gebe meinem Hund das Kommando der Nachsuche, die Nase geht sofort runter und er zieht langsam den Graben hinunter. Ab jetzt heißt es „volle Konzentration und Augen auf“. Langsam und vorsichtig arbeitet sich mein Hund in eine kleine Waldschonung. Mit jedem Meter steigt meine Nervosität. Das verletzte Wildschwein könnte jetzt jede Sekunde vor uns auftauchen und ich habe keine Ahnung, in welcher Verfassung es sich befindet.

Die Gefahr „Wildtier“

Das Wildschwein kann auch eine große Gefahr für meinen Hund und mich darstellen. Wildtiere, sofern sie noch leben, stehen nach einem Unfall regelrecht unter einem Adrenalinschock, daher ist es sehr gefährlich, sich kranken Wildtieren zu nähern, völlig egal, um welche Art es sich handelt.

Mein Hund zieht stark an der Leine, es ist für mich das Zeichen, dass das Wildschwein unmittelbar vor uns sein muss. Als mein Hund bellt, sehe ich auch schon das Wildschwein etwa sieben Meter vor mir. Es liegt am Boden, versucht allerdings aufzustehen um uns, beziehungsweise meinen Hund, zu attackieren.

Jetzt muss alles ruck zuck gehen. Ich nehme mein Gewehr und erlöse es von seinem Leiden.

Ich warte noch vier bis fünf Minuten bis ich aus der „sicheren“ Entfernung sehe, dass ich mich gefahrlos nähern kann.

Als ich das Wildschwein begutachte stelle ich fest, dass es aus dem Schlund, Nase, Augen und sogar den Ohren blutet. Es muss also mit dem gesamten Kopf an das Fahrzeug geknallt sein. Nun beginnt das Bergen des Wildschweines, ich ziehe es zu meinem Fahrzeug und lege es in eine passende Wildwanne. Der Einsatz ist gut gegangen und alle sind wohlauf.

Ohne meinen Hund „Nalu“ und seiner guten Nasenarbeit hätte ich das Wildschwein sicherlich nicht gefunden und es hätte auch ganz anders laufen können. Daher hat mein Hund, wie erwähnt, eine Hundeschutzweste und auch eine Hunde-Operationskostenversicherung. Ein Wildschwein geht nicht gerade sanft im Kampf mit Jagdhunden um, daher ist für mich als Hundeführer diese Art der Versicherung absolut notwendig und leider musste ich diese Versicherung auch schon in Anspruch nehmen.

Betrübte Blicke

Als ich alles erledigt habe, kommen die beiden Polizisten mit der jungen Dame zu mir und fragen, ob sie sich das Wildschwein mal anschauen könnten. „Natürlich“ antworte ich, schließlich sind die beiden Polizisten auch Zeugen, dass es sich hier um einen Wildschaden handelt, der über die Teilkaskoversicherung des Unfallfahrzeuges reguliert werden kann.

Die junge Dame, so wirkt sie auf mich, hat arg mit Ihrem Gewissen zu kämpfen, als sie das tote Wildschwein sieht. Leider, so sage ich Ihr, können wir Jäger die Wildunfälle nicht zu 100 Prozent verhindern.

Die kleinen blauen Dinger

An den seitlichen Leitpfosten an der Straße hängen wir Jäger auf unsere Kosten kleine blaue Reflektoren. Diese brechen das Licht der Fahrzeuge von der Straße und streuen es in den Wald hinein. Dort werden dann die Wildtiere angestrahlt und verhoffen.

Laut Studien zeigen diese Wildwarnreflektoren auch Wirkung. In unserem Revier sind die Wildunfälle damit um 35 Prozent gesunken.

Dennoch muss man einfach sagen, dass die frühe Dunkelheit im Herbst und Winter dazu beiträgt, dass Wildunfälle stark zunehmen. Das ist auch verständlich, schließlich leben die Wildtiere nach einem Rhythmus und nicht wie wir nach Uhrzeiten und Terminen.

Bedenke folgendes bei einer Fahrt in der Dunkelheit:

– Fahr immer angepasst und bremsbereit
– Wenn du rote Punkte (Augen) siehst, die reflektieren, sofort Fernlicht aus und bremsen
Warnblinker am Fahrzeug anschalten, um den restlichen Verkehr aufmerksam zu machen
– Benutze deine Hupe, um das Wildtier zu verscheuchen
– Fahr an der Stelle mit max. Schrittgeschwindigkeit entlang

Bei einem Wildunfall gilt folgendes:

Warnblinker anstellen
– Bleib im Fahrzeug sitzen
Näher dich unter keinen Umständen dem verletzten Wildtier
– Lass dir von der Polizei/Jäger eine Wildunfall-Bestätigung ausstellen für deine Versicherung

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