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Im Sommer wird die Braut entführt

Günter Dachs

Wer heiratet nicht gern bei strahlendem Sonnenschein? Logisch, dass da im Sommer Hochsaison herrscht. Bei vielen Hochzeiten wird der uralte Brauch der Brautentführung, bzw. des Brautstehlens noch gelebt. Dieser Brauch hat internationale Wurzeln. Im vorrevolutionären Russland z. B. wurden junge Frauen mit deren Einverständnis von ihrem Liebhaber geraubt, wenn die Eltern gegen die Verbindung waren. In der Regel wurde dann heimlich geheiratet.

Die Brautentführung reicht in Europa weit in die Vergangenheit zurück. Im Mittelalter (die Geschichtswissenschaft hält das allerdings für literarische Fiktion) hatten die Lehensherren das „Recht der ersten Nacht“. Der Lehensherr durfte mit der weiblichen Untergebenen die erste Nacht vor dem Bräutigam verbringen. Die Brautentführung könnte als eine Flucht vor der Ausübung dieses Herrenrechtes gedeutet werden.

Da es sich hier aber um einen umstrittenen Mythos handelt und es keine zuverlässigen Informationen gibt, komme ich auf den lustigen Brauch zurück, der vor allem in Süddeutschland, Österreich und der Schweiz verbreitet ist.

Brautentführung auf fränkische Art

Ich bin im schönen Frankenland zu Hause. Als nebenberuflicher Musikant habe ich schon so manche Brautentführung begleitet. Letztes Jahr war ich gemeinsam mit meinem Sohn, mit dem ich zusammen musiziere, für eine Hochzeitsfeier als Unterhaltungs- und Tanzband engagiert.

Nach dem Kaffee wurde der Bräutigam von Freunden abgelenkt, so dass er nicht merkte, dass die Braut von ihren Freundinnen gestohlen wurde. Sie wurde in ein Auto ihrer Freundinnen gesetzt und mir wurde ein Zeichen gegeben, dass jetzt die Entführung beginnt. Flugs schnappten wir unsere Instrumente und eilten zu unserem Auto, damit wir nicht den Anschluss an die Entführungskolonne (es waren insgesamt fünf Autos mit potentiellen Entführern) verlieren.

Wir fuhren ca. zehn Ortschaften weiter und kehrten in einer Gaststätte mit schönem Biergarten ein. Zum Zillertaler Hochzeitsmarsch marschierte der ganze Entführungstruppe in den Biergarten ein.

Dort war gleich ein großes Hallo. Die erste Runde Sekt wurde bestellt und wir spielten lustige Stimmungs- und Schlagersongs auf. Die Gäste tauten sofort auf, sangen und schunkelten fröhlich mit. Der Bräutigam musste in der Zwischenzeit mit seinen Kumpels die Braut suchen. Da er nicht wusste, wohin die Braut entführt wurde, steuerte er alle möglichen Lokale an, um die Braut zu finden. Natürlich wurde in jedem Lokal auf sein Wohl angestoßen, so dass die Stimmung immer besser wurde.

Mittlerweile kochte auch die Stimmung bei der Braut, den Entführern und bei uns Musikanten. Wir spielten aktuelle Stimmungshits und die Braut tanzte nach kurzer Zeit mit ihren Freundinnen auf der Biergartenwiese. Ich hatte mich zwischendurch als Elvis-Imitator in mein Elvis-Kostüm gezwängt und unterhielt die Mädels mit einer kleinen Elvis-Show, bei der getwistet wurde.

Meine Trompete legte ich in der Zwischenzeit auf den Biertisch.

Als uns der Bräutigam mit seinen Freunden dann endlich fand, herrschte großer Jubel. Aber er musste zuerst die Braut auslösen …

Der Bräutigam ist beim Auslösen der Braut gefordert

Das geht bei uns in Franken so: Der Bräutigam muss sich vor der Braut auf ein Holzscheit knien und verschiedene Aufgaben lösen.

In diesem Fall musste er zehn Kosenamen nennen, mit denen seine Frau ihn schon angesprochen hat. Außerdem musste er ein Lied singen. War in diesem Fall einfach, da er den Text von „Marmor, Stein und Eisen bricht“ draufhatte.

Als Letztes musste er noch einen Walzer mit seiner Frau tanzen. Damit war die Braut ausgelöst und die Aufgaben waren erfüllt. Während des Walzertanzens klatschten die Hochzeitsgäste mit. Leider war ein Gast zu ungestüm, so dass er meine Trompete, die auf dem Biertisch abgelegt war, herunterstieß.

Ich merkte dies erst, als ich das Trompeten-Echo spielen wollte. Das Mundstück fühlte sich seltsam rau an und die Trompete klang irgendwie komisch. Leider stellte ich fest, dass die Trompete verbogen und das Mundstück zerkratzt war. Aber: the show must go on! Ich spielte stattdessen die Melodie mit meinem Schifferklavier und hoffte, dass sich der Schadensverursacher meldet.

Und siehe da, reumütig kam ein Hochzeitsgast, der mein Trauerspiel beobachtet hat und gestand mir, dass er die Trompete versehentlich vom Tisch stieß. Er gab mir seine Adresse und bat mich, einen Kostenvoranschlag für die Reparatur machen zu lassen. (Die Trompete ließ ich auch ein paar Tage später reparieren, nachdem die Haftpflichtversicherung des Schadenverursachers, die Reparaturkosten zugesagt hatte. Gottseidank war er versichert und die Schadensbehebung lief problemlos.)

Nachdem die Braut ausgelöst war, spielten wir noch als Abschluss eine lange Stimmungsrunde und marschierten dann musikalisch mit der Gesellschaft zu unseren Autos. Wir fuhren alle wieder zum Hochzeitssaal zurück, wo bis zur frühen Morgenstunde gefeiert wurde, so wie es in Franken üblich ist.

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