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Die Wahrheit über das Klettern und das Risiko in der Wand: Ein Kletterfreak packt aus

Andreas Kiehr

Wie kommt man vom Laufsport zum Klettern? Was treibt die Menschen in die hohen Wände und was nehmen die Kletterer in Kauf? Diese Fragen klären wir im Interview mit Dirk Uhlig – Erstbegeher verschiedener Routen und begeisterter Kletterer in vielen Disziplinen.

Dirk, in den Gebirgen dieser Welt vergeht keine Woche ohne tödliche Abstürze, wie kommt es dazu?

In den Bergen gibt es immer ein Restrisiko. Vorbereitung und Material können ideal sein, das Wetter perfekt, aber eine kleine Unachtsamkeit kann schon zu ernsten Unfällen führen. Dazu drängen viele Hallenkletterer nach draußen, ohne genügend Erfahrung am Felsen gesammelt zu haben. Die Unfallopfer sind zu 80 Prozent Unerfahrene, die nicht so vertraut mit den Risiken und Tücken von Mutter Natur sind.

Für Wochenend-Wanderer gibt es außerdem folgende Risiken:

  • Schlechte Einschätzung des Wegzustands
  • Ungünstiges Schuhwerk
  • Wetterbedingungen, die aufgrund der Freizeit ignoriert werden
  • Kein Partner für einen Partnercheck. Das bedeutet, dass dein Kletterpartner immer ein Auge auf dich hat und so Fehlerquellen verringert werden können.

Wenn Risiken nicht vollständig ausgeschlossen sind: Was treibt Menschen wie dich immer wieder an die hohen Wände? 

Ich kann dabei für fast alle Extremkletterer sprechen: Das Vorhandensein dieses Risikos ist der Grund warum wir klettern! Das Lebensumfeld heutzutage ist in der Regel so spannungsarm und risikofrei – man denke nur an die Vielzahl der Versicherungen, die man abschließen kann – dass man genau dieses Kribbeln im Bauch sucht, welches man an einem Felsvorsprung in 1.000 Meter Höhe hat.

„Weil er da ist. “George Mallory, ein britischer Bergsteiger auf die Frage, warum er zum Mount Everest wollte.

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Wie kamst du zum Klettern?

Früher nahm ich an Laufwettkämpfen teil. Ich mochte das „Runners High“, nicht aber den psychischen Druck beim Wettkampf mit anderen und die Tatsache, dass die Wettkämpfe immer nur einmal stattfanden.

Ich suchte nach einer Alternative, wenn möglich in der Natur und versuchte viele Extremsportarten. So kam ich letztlich zum Klettern. Diese Auseinandersetzung mit sich selbst erzeugte bei mir ein ähnliches „high“ wie beim Laufen.

Nach vielen Jahren ohne Wettkämpfe messe ich mich aber wieder mit anderen Kletterern. Die Auseinandersetzung mit mir selbst beim Klettern hat mir so viel mentale Stärke gegeben, dass ich nun wieder mit voller Energie in einen Wettkampf gehen und meine Leistung voll ausschöpfen kann.

Klettern steigert nicht nur Fertigkeiten, sondern auch das Selbstwertgefühl, hilft gegen Ängste und die Top-Bikinifigur ist auch nicht zu verachten.

Was rätst du Kletteranfängern, was sie können sollten, bevor sie lange Routen in den Bergen klettern? 

Eine gute Möglichkeit für den Anfang ist das Bouldern in der Halle (z. B. in der Boulderhalle E4 in Nürnberg). Hier lernt man das Klettern in Absprunghöhe mit einer weichen Matte als Sicherung. So kann man sich auf bestimmte Bewegungen und den Umgang mit Sicherungsmaterial am Fels einstellen und üben – ganz ohne kritische Wettereinflüsse. Ohne alpine Gefahren kann man übrigens auch vor unserer Haustür, in der fränkischen Schweiz, klettern.

Der normale Weg zu den großen Unternehmungen ist letztlich, wie bei allem, „vom Kleinem zum Großen“ und „vom Leichten zum Schweren“. Frei nach dem Motto „nur ein alter Bergsteiger ist ein guter Bergsteiger“ sollte man immer über den Tellerrand schauen und seine Fähigkeiten und Fertigkeiten verbessern. So ist man bestens für große Unternehmungen gerüstet.

Bouldern, Alpinklettern, Sportklettern,– Klär uns doch mal bitte über die verschiedenen Disziplinen auf.

  • Bouldern – der schnelle Snack –ein Boulder hat meist wenige Züge, die es aber in sich haben können
  • Sportklettern – die Hausmacherplatte –erwartbare Schwierigkeiten mit zumeist guter Absicherung
  • Alpinklettern – extra scharf gewürzt –man muss sich den Weg selbst suchen und die Absicherung verlangt ein gutes Nervenkostüm
  • Mehrseillängen – das Menü –dauert lang, erfordert viel Ausdauer und man muss mit vielen Risiken umgehen
  • Bigwall – all you can eat –man verbringt einige Tage in der Wand. Ausrüstung und Verpflegung sollte man so viel dabei haben, dass es bis zum nächsten Bodenkontakt reicht
  • Eisklettern – das Überraschungsmenü –Eis ist unterschiedlich dick und hart und die Bedingungen ändern sich sehr schnell – für sehr erfahrene Kletterer

Hast du schon einmal beim Klettern zu spät abgebrochen oder dich so richtig in Gefahr gebracht? 

Die ersten Jahre meiner „Kletterkarriere“ waren haarsträubend. Ich fand damals den Vergleich zu einer Katze mit sieben Leben nicht schlecht. Nach zu vielen knappen Aktionen musste ich etwas kürzer treten, um den Schutzengel nicht zu stark zu strapazieren.

Ich finde es äußerst wichtig, Fehler zu machen. Es ist natürlich nötig, dass diese Fehler nicht so fatal sind, dass man keine Chance hat daraus zu lernen. Aber im Prinzip gilt „Trial and error“. Ich wollte mich immer im Klettern verbessern und weiterentwickeln.

Man muss über seine Grenzen gehen, um sie zu verbessern. Es kann passieren, dass man in einer Wand ungeplant übernachten muss. Oder man stürzt ab und muss sechs Wochen mit Gipsbein Klimmzüge machen, weil man zwei Sekunden nicht aufgepasst hat. Zum Glück ist der menschliche Körper sehr belastbar und verfügt über eine schnelle Heilung in der Jugend. Es ist dann nur natürlich, dass man im Alter etwas bedachter an heikle Situationen ran geht.

Was ist dein persönliches Fazit zum Abbruch einer Tour?

Sicher habe ich einige Routen abbrechen müssen. Das verlangt aber viel Erfahrung, innere Stärke und gute Selbsteinschätzung. Das muss man erstmal lernen. Am Anfang hat es mich tagelang genervt „nicht weiter gegangen zu sein“. Mittlerweile kann ich dieses „Scheitern“ in positive Energie ummünzen.

Ebenso kann das Scheitern an zu schweren Wegen ganz schön auf die Psyche schlagen. Meine Verbesserungen im Klettern sind unter anderem darauf zurückzuführen, dass ich die einzelnen Unternehmungen in Einzelstücke zergliedern und im Nachhinein die Fortschritte rausfiltern kann; somit überwiegt das Positive einer jeden Tour und wirkt positiv auf kommende Touren.

„… der Kopf ist der wichtigste Muskel beim Klettern …“, sagte Wolfgang Güllich dazu.

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Danke für deine Einschätzung und den Einblick in die Extremkletterei. Seid ihr auch begeisterte Kletterfans? Reicht euch Bouldern in der Halle nebenan oder zieht es euch zu den ganz großen Herausforderungen?

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