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Plötzlicher Pflegefall in der Familie – Was nun?

Rebecca Baumann

„Ich fahre noch kurz auf den Friedhof, um das Grab zu gießen.“ Das waren die letzten Worte meines Großvaters, bevor sich sein und das Leben meiner Familie grundlegend verändert hat. Im Sommer 2017 hatte er einen Fahrradunfall, wodurch er sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzog und letztendlich bettlägerig und dement wurde. Er wurde zum Pflegefall.

Seit drei Jahren pflegen wir ihn, mithilfe eines privaten Pflegedienstes, zuhause. Vor ca. zwei Monaten ereilte meinen anderen Großvater das gleiche Schicksal. Er wollte sich nur wieder auf seinen Sessel setzen. Er war allerdings schon so unsicher auf den Beinen, dass er das nicht mehr schaffte und stürzte. Auch er erlitt einen Oberschenkelhalsbruch und ist nun ein Schwerstpflegefall.

Was ist jetzt zu tun?

Ein paar hilfreiche Tipps, wie du mit der Situation, einen Pflegefall in der Familie zu haben, umgehen und auch den organisatorischen Aspekt bewältigen kannst, findest du hier:

Die ersten Wochen – Krankenhaus, Reha, Kurzzeitpflege

Natürlich ist nach so einem Unfall erst einmal eine OP und ein Krankenhausaufenthalt angesagt. Wer sich wieder genügend erholt, bekommt einen Reha-Platz. Aber hier stoßen wir schon auf die erste organisatorische Hürde.

Was passiert, wenn der Krankenhausaufenthalt beendet werden soll, aber noch kein Reha-Platz in Aussicht gestellt wurde?

Man hat hier nur zwei Möglichkeiten: Entweder der Betroffene muss für die Zwischenzeit wieder nach Hause kommen oder die Angehörigen finden einen Kurzzeitpflegeplatz zur Überbrückung. Ein Kurzzeitpflegeplatz kann aber auch unabhängig von einer Reha wichtig werden. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn man sich noch darüber klar werden muss, ob man einen Pflegefall zuhause stemmen kann.

Die Organisation eines Kurzzeitpflegeplatzes kann sehr schnell unüberwindbarer wirken. Dies gilt genauso für einen langfristigen Heimplatz. Die Pflegeheime sind stark überlastet und haben lange Wartelisten. So kann es also gut einmal sein, dass man 30 Heime abtelefoniert und 29 Absagen kassiert. Mit genügend Geduld und auch etwas Glück klappt eine Unterbringung aber doch. Gerade für Kurzzeitpflegeplätze gibt es mehr Kapazitäten. Es ist wichtig, nicht zu verzweifeln und koordiniert an die Sache heran zu gehen.

Den anschließenden Reha-Aufenthalt – wenn der Gesundheitszustand des Pflegebedürftigen dies zulässt – wird vom Krankenhaus organisiert, sodass man hier erst einmal ein bisschen Zeit zum Durchatmen hat.

Der erste weitere Blick – Pflegegrad und MDK

Ein weiterer Punkt, der schnell auf einen zukommt, ist die Beantragung eines Pflegegrades. Ohne diesen erhält man keine staatlichen Mittel zur Unterstützung bei der Pflege. Hierzu ist es wichtig zu wissen, dass eine Einstufung in einen Pflegegrad erst dann erfolgt, wenn die pflegebedürftige Person wieder zuhause oder langfristig im Heim ist. Dann wird man von einem Mitarbeiter des MDK (Medizinscher Dienst der Krankenversicherung) besucht. Dieser beurteilt dann den Zustand des Betroffenen und entscheidet über die Einstufung. Von Pflegegrad eins bis fünf ist dies möglich, Pflegegrad fünf impliziert die stärkste nötige Unterstützung. Wenn der Grad festgelegt wurde, erhält man die Leistungen rückwirkend zum Tag der Beantragung.

Die größte – und wohl auch wichtigste – Entscheidung: Zuhause oder in einem Heim pflegen?

Das ist eine Wahl, die die Angehörigen alleine und unabhängig von anderen Personen entscheiden sollten. Beide Optionen haben ihre Vor- und Nachteile. Es gibt drei Fragen, die du dir in einer solchen Situation stellen solltest:

1) Können meine Familie und ich die Zeit und die Kraft für eine Pflege zuhause aufbringen?

Der zeitliche Aspekt ist nicht zu unterschätzen. Zu meinem Großvater kommt seit drei Jahren drei Mal täglich ein privater Pflegedienst. Dennoch geht meine Mutter täglich ein bis drei Mal zu meinen Großeltern, auch um meiner Großmutter unter die Arme zu greifen. Dazu kommen Instandhaltungsarbeiten am Haus, sowie Zeit für Einkäufe, Arzt- und Friseurbesuche, die meine Eltern und ich uns aufteilen. Vor allem für den Ehepartner des Pflegebedürftigen kann ein Aufenthalt zuhause sehr kräftezehrend sein, da er oder sie derjenige ist, der rund um die Uhr betreut.

2) Was sagt unsere finanzielle Lage?

Ein Heimplatz ist auf Dauer sehr teuer und für viele Rentner nicht bezahlbar. Die staatlichen Mittel helfen, reichen jedoch nicht aus. Ein Teil der Kosten ist aus der eigenen Tasche zu zahlen. Deshalb bietet es sich an, eine private Pflegeversicherung oder – gerade im Falle eines Oberschenkelhalsbruches – eine Unfallversicherung mit dem entsprechenden Baustein abzuschließen. So kann man zumindest hinsichtlich dieser Frage beruhigt sein und wissen, der finanzielle Aspekt ist geregelt.

3) Was würde die pflegebedürftige Person wollen?

Erst nachdem du dich ausführlich mit den ersten beiden Fragen auseinandergesetzt hast, solltest du dir diese Frage stellen. Viele Angehörige – meine Familie und ich eingeschlossen – widmen sich zuerst dieser Frage und kommen zu einem moralischen Entschluss:

Das Haus war dem Papa so wichtig, wir können ihn doch jetzt nicht in ein Heim geben. Er würde zuhause sein wollen.

Dies mag richtig sein. Du solltest es aber wirklich nur umsetzen, wenn du sicher bist, Zeit und Kraft aufbringen zu können zuhause zu pflegen. Dein Angehöriger, der nun ein Pflegefall ist und den du nun pflegen wirst und der auf deine Hilfe angewiesen ist, würde auch für dich nur das Beste wollen.

Jetzt erscheint dir der Heimplatz vielleicht als „bessere“ Wahl. Aber auch hier gibt es einige Dinge, die es noch zu beachten gilt.

Nicht immer findet man einen Heimplatz in direkter Umgebung. Das macht dann einen Besuch seltener wenn nicht unmöglich. Vor allem für den Ehepartner, kann dies belastend sein. Schließlich hat man sein ganzes Leben miteinander verbracht. Will man an regelmäßigen Besuchen festhalten, muss man lange Fahrtzeiten mitbedenken.

Oft wiegt der moralische Aspekt im Nachhinein schwerer als man denkt. Wenn eine pflegebedürftige Person beispielsweise dement ist, weiß sie gar nicht mehr, wo sie sich eigentlich befindet.

Mein Großvater ist bei sich zuhause, liegt in seinem Wohnzimmer. Und dennoch fleht er mich nach jedem Besuch an, ihn doch bitte mit nach Hause zu nehmen.

Ist man mit solchen Aussagen konfrontiert, wenn man seinen Angehörigen wirklich wo anders pflegen lässt, ist das zusätzlich kräftezehrend.

Wichtig zu wissen ist: Egal wie groß die Herausforderung zu Beginn scheint, du kannst alles bewältigen. Am Anfang zittert man immer. Du rechnest damit, dass irgendwas schiefgeht. Auch wichtige Ereignisse erscheinen in einem ganz anderen Licht. Ich zitterte während meiner Führerschein-Prüfung, meinen Abiturprüfungen, meinem Abschlussball, am ersten Tag meiner Ausbildung. Und dennoch ist bisher nichts passiert. Man lernt, mit der Situation zu leben und erlaubt sich nach einiger Zeit auch wieder, für ein paar Stunden nicht erreichbar zu sein.

Ein „Richtig“ und ein „Falsch“ gibt es in dieser Situation nicht.

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Jeder Mensch und jede Lebenssituation ist anders. Wäge für dich selbst ab, was für dich und deine Familie die beste Wahl ist. Es gibt auch immer ein „Zurück“. Niemand sagt, dass die Entscheidung, die du jetzt triffst, für immer gelten muss.

Vielleicht habt ihr auch einen Pflegefall in der Familie oder kennt jemanden? Wie sind eure Erfahungen zu diesem Thema?

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